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Monthly Archives: April 2010

„Ein Baum, ein Strick, ein Judengenick“ — so kann das Gebrüll von Fans klingen, die ihre persönliche Verantwortung an den Gruppenprozess des kollektiven und angesoffenen Brüllens zu irgendwelchem Ballgetrete abgeben. Dieser Ausruf wurde — neben etlichen anderen, nicht minder menschenverachtenden Worten — beim Bezirksklassespiel SV Mügeln-Ablaß gegen Roter Stern Leipzig gehört.

Als die Mannschaft vom Roten Stern Leipzig nach achtzig Minuten den Platz verließ, wurde ihr vom Stadiosprecher über eine Lautsprecheransage „Feigheit“ vorgeworfen. Denn

[…] man müsse über so etwas hinweg schauen. Oliver Kahn wäre schließlich auch mit Bananen beworfen worden und hätte darüber nur gelacht.

Bitte auch an diesen Alltag des Fußballs denken, wenn zur kommenden Geldmeisterschaft werbend und dreist von der völkerverbindenen Schönheit des Sports und friedlich feiernden Fans gesprochen wird.

Die zahnbrechende US-amerikanische Zucker- und Koffeinplörre namens „Cocacola“ hat zwar mit Fußball (oder überhaupt mit irgendeinem Sport) ungefähr so viel zu tun wie eine Fünfeuronutte mit hehrer sexueller Enthaltsamkeit — ganz im Gegenteil, die vom Wegtrinken des Rülpswassers verursachte Wampe dürfte eher etwas hinderlich beim Ausleben spontaner Bewegungslust sein — aber das hindert die Reklameblender bei „Cocacola“ nicht daran, jetzt der FIFA eine Menge Geld zu überweisen, damit sie werbend auf dem Zug der hirnlosen Begeisterung aufspringen können. Nun ist es vielleicht etwas problematisch, wie da der Bogen zum Sport geschafft werden soll, aber in solchen Fragen sind die gier- und geistkranken Werber ja immer recht einfallsreich, und deshalb rufen zurzeit in riesigen Reklamebannern beim deutschen YouTube dazu auf…

Jetzt mitmachen! Einfach Jubelvideo aufnehmen, hochladen und fertig!

…einfach mitzumachen, indem man ein „Jubelvideo“ aufnimmt und hochlädt.

Gar trefflich haben diese Werbeheinis verstanden, worauf es den Be- und Entgeisterten bei so einem Fernsehereignis ankommt, nämlich auf das vollpfostenhafte Rumbrüllen, wenn die Fernsehbälle an die Pfosten dreschen. Dieses „Spiel“ reduziert den Vorgang auf das Wesentliche einer derartigen Betätigung, da sogar auf das geldwerte Ballgetrete und das ganze „Tschlannd“-Getue verzichtet werden kann und stattdessen direkt für „Cocacola“ gebrüllt werden soll. Natürlich schön und „Cocacola“ für weitere Reklamefeldzüge gegen die Vernunft zur Verfügung gestellt, und bitte bis spätestens zum 12. Mai einsenden, damit die Reklameheinies bei „Cocacola“ auch noch Gelegenheit haben, die lautesten und mitreißendsten Brüller auszuwählen, um damit dann Reklame im Zuge der Berichterstattung zur Geldmeisterschaft zu machen. Wer könnte da schon widerstehen? Zumal es sogar etwas zu gewinnen gibt? Doch eigentlich nur ein Mensch mit Gehirn.

Das Maß an Hirnlosigkeit, das in dieser Aktion von „Cocacola“ dokumentierterweise bei Fußballfans angenommen wird, entspricht zwar durchaus meinen zynischsten Anmerkungen zu diesem Irrsinn — aber ich gehe mal davon aus, dass die meisten Menschen so eine Beleidigung einfach nur daneben finden und das bitte auch mal den völlig von menschlichen Bedürfnissen emanzipierten Idioten aus der „Cocacola“-Werbung mitteilen.

Dank der grenzenlosen Gier des Veranstalters der Fußball-Geldmeisterschaft könnte uns allen so manches „public viewing“ erspart bleiben, wie die Financial Times Deutschland berichtet:

Public Viewing war der Renner bei der Fußball WM 2006. Fremde Menschen lagen sich in den Armen, teilten Freud und Leid – und das alles, weil sie gemeinsam vor einem Bildschirm dem Ereignis Fußball folgten. Für die Fifa ein Riesengeschäft. Über ihre Marke „Weltmeisterschaft“ will sie diesmal die volle Kontrolle behalten, sogar über das bloße Aufstellen eines Fernsehers außerhalb der eigenen vier Wände.

Ein Fall aus Berlin könnte dabei zum Präzedenzfall werden. Johanna Ismayr, Betreiberin des Bundespressestrandes an der Spree, möchte zur WM eine Leinwand aufbauen und die Spiele zeigen. Das meldete sie im Februar auf der Fifa-Webseite an. Doch der Fußballweltverband verbot ihr das Vorhaben. Schließlich gebe es in Berlin schon ein Fifa-Fan-Fest. Weitere Public-Viewing-Lizenzen könnten deshalb nicht ausgestellt werden.

Es steht allerdings zu befürchten, dass die FIFA hier — um diese dumme Metapher einmal zu verwenden — ein Eigentor erzielt hat. Die Rechtsauslegung nach FIFA-Gutherrenart könnte nicht so ganz kompatibel zum gültigen Recht in Deutschland sein, und von daher könnte es zu einer Menge Möglichkeiten für fahnenschwenkende Ball-mit-Deutschland-Verwechsler kommen, kollektiv eine Leinwand anzuschreien. Hierfür darf dann allerdings kein Eintritt erhoben werden:

„Veranstalter, die ohne Erhebung eines Eintrittsgeldes WM-Spiele öffentlich zeigen möchten, brauchen hierfür keine FIFA-Lizenz“, formuliert es die Berliner Rechtsanwaltskanzlei Härting in einem Schreiben. Sie beruft sich auf § 87 des Urhebergesetzes.

Gier macht eben doof. Das gilt auch für die FIFA, den Veranstalter der Fußball-Geldmeisterschaft 2010.

Bei der FIFA, dem Veranstalter der kommenden Geldmeisterschaft, hat man recht eigenwillige Vorstellungen davon, was Menschen dürfen und was Menschen nicht dürfen.

Wenn man sich in einer Wohnung trifft, um ein Fußballspiel zu sehen, ist das ein harmloser, privater Vorgang, der die FIFA nichts angeht. Das sieht erfreulicherweise auch die FIFA so.

Wenn man sich aber vom schönen Sommerwetter nach draußen treiben lässt, wenn man sich also außerhalb einer Privatwohnung aufhält, um mit einem mobilen Gerät zusammen das Spiel zu verfolgen — egal, ob es sich dabei um eine kommerzielle Veranstaltung, um ein eher privates Ereignis oder sogar um eine Versammlung in einem geschlossenen Raum, wie etwa beim gemeinsamen Fernsehen am Arbeitsplatz handelt — denn soll man sich das für jeden Einzelfall von der FIFA genehmigen lassen.

So wird das auf „Tschland“ reduzierte, künstlich medial entfachte „deutsche Nationalgefühl“ vollständig enteignet und privatisiert und der Willkür eines großen Vermarkters unterworfen — unter Komplizenschaft des quasi-staatlichen Fernsehens der Bundesrepublik Deutschland! Deshalb: Mach Deutsch die Scheiße!

Und selbst, wenn sich diese gutsherrliche Willkür der geldgeilen Fußballbonzen als nicht gerichtsfest erweisen sollte: Dass ein solcher Versuch gemacht wird, das spricht Bände darüber, was für ein Pack das ist und was folglich von der Veranstaltung dieses Packs zu halten ist.

Beim Veranstalter der Fußball-Geldmeisterschaft mag man keine Kritik — und kritische Journalisten werden einfach mit einem Maulkorb stummgemacht, damit die Show auch ja den richtigen Eindruck in Presse und Glotze macht:

In den Akkreditierungsregeln der Allmächtigen aus dem Palaste FIFA, c/o Zürich finden sich […] einige […] Bedingungen, die anzuerkennen jeder Journalist sich „rechtlich verbindlich“ zu verpflichten hat […]

Und um dem Fass den Boden auszuschlagen, untersagt die FIFA, man sperre die Lauscher weit, weit auf: „die FIFA in Misskredit zu bringen“ – beziehungsweise „die Reputation der Weltmeisterschaft zu beschädigen“.

Das ist ein astreiner Maulkorberlass, ersonnen von einem Verein profit- und kontroll- und herrschsüchtiger Magnaten, die schon mal kritische Journalisten zu Personae non gratae erklären und dabei gewiss die Präambel des eigenen Ethikcodes im Sinn haben, die folgendermaßen beginnt: „Die FIFA trifft eine besondere Verantwortung, die Integrität und das Ansehen des Fußballs weltweit zu wahren. Die FIFA ist unablässig bestrebt, den Ruf des Fußballs und insbesondere der FIFA vor unmoralischen oder unethischen Machenschaften und Praktiken zu schützen.“

So weit die „Deutsche Welle“, und selbst in der Republik Südafrika hat man gegenüber diesen gutsherrschaftlichen Zensurbestrebungen der FIFA eine klare Einsicht:

Das Komitee für Pressefreiheit des südafrikanischen Zeitungsverlegerverbandes bezeichnete die Akkreditierungskonditionen der FIFA als „Verletzung der Pressefreiheit in großem Ausmaß“. Der Vorsitzende Thabo Leshilo fügte hinzu: „Es ist empörend, womit die FIFA gewohnt ist durchzukommen.“

Von diesen Dingen wird im Sommer, wenn die Menschen zum massenhaften Brüllen, Saufen und Kaufen gebracht werden sollen, gewiss keine Rede mehr sein. Hauptsache, alles brüllt „Tschlannd!“ und jeder kritische Gedanke verstummt. Denn das ist besser für das Geschäft mit dem simulierten Nationalismus.

[via Bits of Freedom]

Woran denkt man in Deutschland als erstes, wenn ein ungewöhnlich großes Polizeiaufgebot im Alltag sichtbar wird? Na, ist doch klar:

Um und im bahnhof #lübeck massen von polizisten. mal wieder #fußball garantiert

Schließlich werden die „Massen von Polizisten“ ja auch gebraucht, um die Massen von „sportbegeisterten“ Menschen in Schach zu halten, von denen jeder einzelne einen Teil seiner persönlichen Ethik und Verantwortung an einen latent gewaltbereiten, brüllsingenden Mob abgegeben hat. Wo der entfesselte, im Alltag unterdrückte Spießbürger sich einmal so richtig austoben kann, da ist der Hass im Mund, die Faust aus der Tasche und das Hirn im Arsch.

Sport, das sind Stammesloyalitäten und Rivalitäten, symbolische Rituale, sagenhafte Legenden, zu Ikonen gewordene Helden, epische Kämpfe, ästhetische Schönheit, körperliche Erfüllung, intellektuelle Befriedigung, erhabenes Schauspiel und ein tiefes Zugehörigkeitsgefühl. Außerdem vermittelt er eine menschliche Solidarität und physische Umnittelbarkeit, die das Fernsehen nicht bietet. Ohne diese Werte wäre das Leben vieler Menschen zweifellos ziemlich leer. Nicht Religion, sondern Sport ist heute Opium für das Volk. Und in der Welt des christlichen oder islamischen Fundamentalismus ist die Religion mittlerweile wohl weniger Opium für das Volk als Crack für die Masse.

Terry Eagleton, Der Sinn des Lebens [via Stackenblochen]